Entsetzen nach Anschlag in Hanau: “Ich begreife das alles nicht”

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Mahnwache für die Opfer in Hanau

© REUTERS/KAI PFAFFENBACH

Bei einem Anschlag hat ein 43-jähriger Deutscher im hessischen Hanau zehn Menschen und sich selbst erschossen. Eine Reportage aus Hanau.

von Sandra Lumetsberger

Hügel, Wälder, Täler – wer mit dem Zug nach Südhessen fährt, sieht erst einmal viel Beschauliches. Und wundert sich nicht, dass Hanau Geburtsort der Brüder Grimm ist. Fußballlegende Rudi Völler ist ebenfalls in der 100.000-Einwohner-Stadt nahe Frankfurt aufgewachsen.

So wie Mutlu, 41 Jahre. Er steht hinter einem Absperrband, rundherum Polizisten, die ein Gebäude abgeriegelt haben. Der Mann findet kaum Worte. Er geht öfter in die Shisha-Bar. Mittwochabend war er nicht dort, zwei seiner Freunde schon. Sie sind jetzt tot.

Ein 43 Jahre alter Deutscher, Tobias R., eröffnete das Feuer, erschoss und verletzte mehrere Menschen, ehe er mit dem Auto flüchtete und in einer weiteren Bar tötete.

“Hätte jeden treffen können”

Dass in Hanau so etwas passieren konnte, versteht Mutlu nicht. “Deutsche und Migranten leben hier friedlich und schon lange zusammen”, er habe bisher keine negativen Erfahrungen gemacht, erzählt er und geht.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fährt mit einem Konvoi vor, die Kameras blitzen, eine Reportertraube begleitet ihn. Rundherum stehen die Menschen, die Arme verschränkt, manche weinen, andere umarmen sich. Irgendwie hat hier jeder jemanden gekannt.

Nudur, eine junge Frau Mitte zwanzig, arbeitete ebenfalls in einer Shisha-Bar und hat jetzt Angst: “Das hätte jeden treffen können. Wer garantiert, dass so etwas nicht wieder passiert?” Sie hat ihren Bruder Mittwochabend in die Innenstadt gefahren, ihm ist nichts passiert, berichtet sie. Aber der Schwester eines Bekannten, sie starb in der zweiten Bar in Kesselstadt.

Der Stadtteil gehört ebenfalls zu Hanau. Mit dem Bus sind es zehn Minuten, es geht vorbei an Villen und Wasser, bis ein paar Hochhäuser auftauchen. Polizeiautos stehen vor einem graubraunen Block. “24/7 Kiosk” steht auf der Glasscheibe im Erdgeschoß, daneben “Arena Bar & Café”. Auf den Balkonen des Gebäudes stehen ein paar Menschen, sie rauchen oder haben die Arme verschränkt.

Ein Vater steht mit seinem Sohn auf der Straßenseite gegenüber. Er wohnt nebenan und zeigt auf eine Häuserreihe. Er berichtet von den Schüssen, die wie Kracher klangen. Danach hat es an der Haustür geklingelt, er hat nicht aufgemacht: “Heute denke ich mir, wer weiß, wer das war? Die Polizei oder der Täter selbst?”

Tobias R. hat hier ebenfalls gewohnt. Über ihn erfährt man an diesem Tag kaum etwas. Keiner habe ihn gekannt. Manch einer ist auch überzeugt, dass er nicht alleine gehandelt hat.

Stimmung geändert

Zurück in der Innenstadt. Den ganzen Nachmittag finden sich Menschen vor der Shisha-Bar am Heumarkt ein; die Blumen und Kerzen werden mehr, auch die Reporter. Ein älterer Mann erklärt vor den Kameras, dass er nicht an einen irren Einzeltäter glaube.

Und überhaupt, erinnert ihn das alles an die NSU-Mordserie. Fast vierzehn Jahre mordete ein Trio im Untergrund und brachte neun Menschen um. Diesen Mittwoch starben binnen Stunden elf Menschen.

“Ich begreife das alles nicht”, sagt Petra, eine Mutter, die mit ihrer Tochter hergekommen ist. Es seien auch einige Kinder in ihrer Klasse betroffen, erzählt sie mit Blick auf ihr Mädchen. Die Stimmung in der Stadt, berichtet sie, habe sich seit den letzten Jahren etwas verändert. 2015 seien viele Flüchtlinge in der nahe liegenden US-Kaserne untergebracht worden. Bei einigen Menschen hört man Ablehnung heraus, aber “dass jemand zu so einer Tat fähig ist? Was soll man dazu sagen?”