Nicht nur wegen Corona: Wenn die Medikamente knapp werden

0
3

Die Corona-Krise lässt Europa erneut seine Abhängigkeit von der Arzneimittelproduktion in China und Indien spüren

von Ingrid Steiner-Gashi

Die Rückholaktion lief europaweit: Millionen Menschen haben das blutdrucksenkende Arzneimittel Valsartan eingenommen, ehe sich herausstellte, dass es möglicherweise eine krebserregende Substanz enthält. Die Ursache lag an Verunreinigungen bei der Produktion des Wirkstoffzulieferers in China.

Die Nachwirkungen dieses Skandals sind bis heute zu spüren: Noch immer gibt es Lieferengpässe des nun gesundheitlich unbedenklichen Medikaments – und das, obwohl es einige andere Hersteller von Valsartan auch in Europa gibt. Die aber produzieren bei Weitem nicht so günstig.

80 Prozent außerhalb der EU

Es bedurfte nicht erst der Corona-Krise, um zu verdeutlichen, wie abhängig der europäische Medikamentenmarkt von Asien, im Speziellen von China und Indien, geworden ist. Die meisten Wirkstoffe werden mittlerweile außerhalb der EU produziert – bis zu 80 Prozent. Dort ist die Produktion erheblich günstiger als im hochpreisigen Europa.

Deshalb beziehen die westlichen Generikahersteller die Grundsubstanzen, die sie zu Medikamenten verarbeiten, mittlerweile größtenteils aus Fernost. Gibt es dort Probleme mit Qualitätsstandards oder Lieferkomplikationen, wirken sich Unterbrechungen auf dem globalen Markt rasch aus.

Die Produktion von vielen Medikamenten wurde von Europa ins billigere China verschoben

© Bild: EPA/YFC

So wie etwa vor vier Jahren, als nach der Explosion eines chinesischen Produktionsbetriebes gleich 50 Prozent der Weltmarktproduktion eines bestimmten Antibiotikums ausfielen.

Schmerzhafter als kaum zuvor zeigte sich damals, welche Nachteile es hat, wenn die globale Produktion wichtiger Wirkstoffe aus Kostengründen nur noch an einem Ort stattfindet.

Alltag in Österreich

Lieferengpässe von Medikamenten gehören in Österreich inzwischen zum Alltag. An die 800 Medikamente sind derzeit laut Österreichischer Apothekerkammer nicht lieferbar.

Was aber nicht heißt, dass Patienten trotz möglicherweise unangenehmer Wartezeiten Schaden nehmen: Für jedes nicht verfügbare Medikament gebe es vergleichbare Ersatzpräparate, versichert Christa Wirthumer-Hoche. Die Leiterin der Medizinmarktaufsicht bei der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES): „Die Situation wäre erst dann kritisch, wenn es keine alternativen Produkte gäbe.“

Produktionsausfälle in Hubei

Die monatelangen Produktionsausfälle in Wuhan und der umliegenden Provinz Hubei – Ursprung der Corona-Krise – dürften indes vorerst keine Auswirkungen auf die Medikamentenversorgung in Europa haben. In Hubei werden zwar elf von 500 Wirkstoffen produziert, die als versorgungsrelevant gelten. Diese werden aber auch in Betrieben in anderen chinesischen Landesteilen hergestellt, und die Produktion läuft wieder an.

In einigen Wochen könnten die Lieferungen jedoch knapp werden. Dann nämlich, wenn man spürt, dass es jetzt keine Schiffe und kaum Flugzeuge gibt, um Waren von China nach Europa zu transportieren.

Zurück nach Europa

Und so ist er wieder laut zu vernehmen – der Ruf, die Produktion von Medikamenten und Wirkstoffen wieder stärker nach Europa zurückzuholen und so die Abhängigkeit von China zu verringern.

Doch so einfach ist es nicht: „Im Augenblick ist es schlicht und ergreifend ökonomischer Selbstmord, wenn sie bestimmte Wirkstoffe oder bestimmte Fertigarzneimittel in Europa produzieren würden. Und deshalb machen es die Firmen halt nicht“, sagt Thomas Brückner vom deutschen Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie gegenüber dem Deutschlandfunk.

Standortpolitik gefragt

Neos-Gesundheitssprecher Gerald Loacker sieht dies ähnlich: Eine Rückverlagerung von Produktion nach Europa wäre nur mit flankierenden Maßnahmen möglich. „Man kann Pharmaforschung und Produktion nicht aus dem Regierungselfenbeinturm heraus per Gesetz verordnen. Dazu braucht es eine aktive Standortpolitik.“

Schutzmaskenproduktion in China

© Bild: APA/AFP/STR

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) will genau dies anstoßen und erhofft sich dabei entscheidenden Schub von Brüssel. Sie möchte ein EU-Projekt initiieren, um die Produktion von Medikamenten wieder verstärkt nach Europa zu holen.

Ziel dabei ist die Zusammenarbeit mehrerer europäischer Länder, dabei soll es Ausnahmen von den sonst so strengen staatlichen Beihilferegeln geben. Starten aber kann das Projekt erst nach dem Ende der Corona-Krise.

Neues Frühwarnsystem

Einen zusätzlichen Ausweg aus den Medikamenten-Engpässen könnte aber auch ein neues Frühwarnsystem bieten. Ab April wird eine Verordnung des Gesundheitsministeriums wirksam: Damit kann für bestimmte Medikamente, die knapp zu werden drohen, eine vorübergehende Exportbeschränkung verhängt werden.

Bisher war nicht zu verhindern gewesen, dass Pharmaunternehmen ihre Produkte ans europäische Ausland verkaufen und dort höhere Gewinne erzielen als in Österreich, auch wenn das spezielle Produkt hierzulande kaum noch zu erhalten war.

Neues Register

Künftig muss der Zulassungsinhaber in ein öffentlich einsehbares Register melden, wenn ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel binnen zwei Wochen auszugehen droht. Diese Produkte dürfen dann, solange sie in diesem Register aufscheinen, nicht ausgeführt werden. „Wir erwarten einen deutlichen Rückgang bei Lieferengpässen, der schon bald spürbar sein wird“, sagt Sylvia Hofinger, Geschäftsführerin des Fachverbandes der Chemische Industrie Österreichs.