Regierung erklärt sich im Kampf gegen das Phantom

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Heute wird es wieder einmal richtig spannend: Die Regierungsspitze möchte sich dazu äußern, wie es mit den Maßnahmen weitergeht.

von Richard Grasl

Es ist ja ein Kampf gegen ein Phantom, den die Bundesregierung im Augenblick führt. Sie verordnet uns, zuhause zu bleiben und den Betrieben zuzusperren. Nach enervierenden ersten elf Tagen geht das vielen schon wirklich auf die Nerven. Für einige war es auch spannend, weil es doch neu war. Doch nun beginnt vielen, die Decke auf den Kopf zu fallen. Das Wetter am Wochenende wird frühlingshaft, die Kinder hupfen sprichwörtlich zuhause im Quadrat. Sogar in die Schule würden sie gerne wieder gehen, lieber aber noch Fußball und Tennis spielen oder mit dem Skateboard fahren – und ihre Freunde treffen. Die Erwachsenen picken in ungewohnt enger Situation zusammen, man lernt sich wieder besser kennen – manchmal ist das auch gut, aber nicht immer, weil auch das ungewohnt ist. Menschen, die alleine leben, sehen den ganzen Tag niemanden – außer via Skype oder Facetime. Sonst sind sie alleine, was vielen auch nicht leicht fällt. Stell Dir vor Du gehst in Dich und niemand ist da, hat mal jemand Weiser gesagt. Netflix und ORF boomen, vielleicht auch Bücher.

Wir spüren die Krankheit nicht

Und dann ist da dieses Phantom namens Corona. Wir sehen es nicht, wir spüren es nicht, und dennoch ist es an all diesen neuen Umständen schuld. Denn 99,24 Prozent der Bevölkerung ist nicht corona-krank und spürt gar nichts. Und 98,08 % der Menschen sind auch nicht infiziert (wenn die Dunkelziffer 25 mal so groß ist wie die Zahl der Infizierten). Wir machen also etwas, von dem wir emotional nicht genau wissen, warum und zahlen einen hohen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Preis dafür. Kognitiv wissen wir, dass es alternativenlos ist. Doch dazu später. Derzeit obsiegt das Hirn noch über das Herz.

Und genau das ist das Problem der Regierung. Wie kann der Bevölkerung vermittelt werden, dass wir die Maßnahmen verlängern müssen? Dass es verdammt noch mal lange dauern kann, bis Normalität eingekehrt ist. Oder wir öffnen die Wirtschaft und die Schulen ein wenig – dafür dauert alles andere noch viel länger. So sehr weltweit im Augenblick starke Führungspersönlichkeiten in Regierungen und sehr wehrscheinlich auch in Österreich ein Zustimmungshoch haben, so klar ist, dass irgendwann ein Wendepunkt kommen muss.

Eine Vermutung

Aber was genau wird die Regierung jetzt machen? Wenn man sich in den letzten Tagen die Statements genau angehört hat, gab es in dieser Frage in Nuancen abweichende Botschaften. Auf der einen Seite Sebastian Kurz und Werner Kogler, die weiterhin vor massiven Gefahren warnen. Auf der anderen Seite Gesundheitsminister Rudi Anschober, der erstmals ein wenig in Richtung Lockerung argumentiert hat. Ganz am anderen Ende steht übrigens der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker, der in einem Interview einen längerfristigen Shut-down Wiens für undenkbar hielt. SPÖ-Chefin Rendi-Wagner, selbst Pandemie-Expertin, steht in dieser Frage übrigens Sebastian Kurz viel näher als dem Wiener SPÖ-Stadtrat. Hacker erklärte am Abend in der ZIB 2 jedoch, dass es einen Schulterschluss der Landesregierungen mit der Bundesregierung gebe.

Also, jetzt doch ein Versuch einer Interpretation – ohne Gewähr: Nach Ostern passiert mal gar nichts, es wird bis Anfang Mai so weitergehen. Dann aber wird schrittweise geöffnet: Einzelne Sparten dürfen wieder ihre Geschäfte aufsperren. Freizeitbeschäftigungen, die keine Nähe verursachen werden zugelassen. Tennis ja (aber kein Doppel), Fußball nein. Alleine Rad- und Bergtouren machen, ja; aber keine Großevents. Die Schulen bleiben zu, vielleicht mit Ausnahme von Matura- und Abschlussklassen. Lokale dürfen je nach Größe 50 oder 100 Gäste bewirten. Und es gibt strenge Bestimmungen wie 2 Meter Abstand, verpflichtende Desinfektion vor Supermärkten und Lokalen, Verbot von Versammlungen mit mehr als 10 Menschen. Diese Zahlen sind Hausnummern, die Maßnahmen wie gesagt nur eine Vermutung.

Horrorbilder aus dem Ausland

Wenn wir das Phantom sehen und spüren wollen, dann reicht ein Blick in die internationalen TV-News. Da finden Soldaten in Spanien Leichen und gerade noch lebenden Menschen in Pflegeheimen, die von Ärzten und Pflegern aufgegeben und sich selbst überlassen wurden. Da kaufen Spitäler in New York hunderte Tablets, damit sich sterbende per Videokonferenz von ihren Liebsten verabschieden können. Da werden große Kongresssäle in Leichenhallen umgewandelt.

Wir wollen diese Bilder nicht sehen. Daher lasst uns noch daheim bleiben. Auch wenn die Decke über uns schon gehörig wackelt.

richard.grasl@kurier.at