Wissenschafter warnen: “Maßnahmen nicht zu schnell wieder aufheben”

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Auch nach Ostern wird es Einschränkungen unseres täglichen Lebens geben, das kündigte Kanzler Sebastian Kurz bereits an: “Die Situation wird mehr der vor Ostern ähneln.” Wissenschafter stützen dies: Falsch wäre es, zu rasch wieder zum normalen Alltagsleben zurückzukehren. Dann würde sich die Epidemie nämlich sofort wieder sehr rasch ausbreiten und die Vorsichtsmaßnahmen der letzten zwei Wochen wären umsonst gewesen. Empfohlen wird, in den nächsten Wochen und Monaten die Maßnahmen nur schrittweise zurückzunehmen.

Simulationsrechnungen der TU Wien sagen aber auch: Eine noch drastischere Einschränkung der Kontakte hätte kaum zusätzlichen Nutzen. “Unsere Simulationsrechnungen zeigen allerdings ganz klar, dass ab einem gewissen Punkt eine weitere Verschärfung keinen spürbaren Nutzen mehr bringt”, sagt Niki Popper, Leiter des Forschungsteams. Das Forschungsteam analysiert daher nun, auf welche Weise die Maßnahmen wieder gelockert werden könnten, und erstellte drei Szenarien.

Derzeit sind Schulen und ca. 25 Prozent der Arbeitsstätten geschlossen, bei den Freizeitkontakten wird im Modell eine Reduktion von 50 Prozent angenommen. Würde man dieses Maßnahmenpaket voll beibehalten, würde die Zahl der Covid-19-Kranken über den Sommer kontinuierlich zurückgehen.

Ein kontinuierlicher Rückgang der Krankheitszahlen ergibt sich allerdings auch in einem zweiten Szenario, bei dem nach Ostern die Arbeitsstätten wieder geöffnet werden. Schulen bleiben in diesem Szenario geschlossen, die Freizeitkontakte bleiben weiter reduziert. Der Rückgang der Krankheitszahlen wäre dann langsamer, aber das Gesundheitssystem käme nicht an seine Belastungsgrenze. In einem dritten Szenario wird davon ausgegangen, dass Arbeitsstätten ab Ostern wieder geöffnet werden und am 4. Mai (zwei Wochen vor der Matura) auch die Schulen wieder ihren normalen Betrieb aufnehmen. Nur die Kontaktanzahl in der Freizeit bleibt weiterhin um 50 Prozent reduziert. In diesem Fall kommt es nach den Berechnungen zwar nicht zu einem explosiven Anstieg der Krankheitszahlen, aber die Krankheitszahlen würden trotzdem steigen und das Niveau der derzeitigen ersten Welle übertreffen.

Der Chef des Complexity Science Hub Vienna (CSH), Stefan Thurner, warnt eindringlich vor einem verfrühten Aufheben der Corona-Maßnahmen. Dass sich die Verdoppelungszeit der Infektionsfälle in Österreich von zwei auf derzeit etwa vier Tage erhöht habe, zeige zwar die Wirksamkeit der Maßnahmen. Aber wenn sich alle vier Tage etwas verdoppelt, “ist es fast so schlimm, wie wenn sich etwas alle zwei Tage verdoppelt”.

Er plädierte daher für den Blick auf die Zahl der Intensiv-Patienten und Toten. Denn erst jetzt sehe man langsam, wie viele Betten tatsächlich belegt werden und wie viele Betroffene durch das Virus sterben. Und die Verdoppelungszeit bei den Toten liege bei etwa drei Tagen, die Verdoppelungszeit bei den Intensivbetten bei zwei Tagen und sechs Stunden. “Das geht sehr schnell. Da ist derzeit kein Anzeichen, dass das besser wird”, so Thurner.